Der erste Untergang der Zivilisation
Der mögliche Zusammenbruch unserer Zivilisation, dieses eigentlich Undenkbare, wird in diesen Krisenzeiten immer wieder mit Schaudern am Horizont gezeichnet und kann nicht mehr völlig ausgeschlossen werden.
Das weckt auch das Interesse des Publikums am Thema und führte zu der Veröffentlichung dieses nicht nur aktuellen, sondern auch hochmodernen Buches aus dem uns doch so fernen Altertum – oder? Der Autor Eric Cline, Professor für klassische Altertumswissenschaften und Anthropologie am Archäologischen Institut der George Washington Universität, wurde bereits für den Pulitzer-Preis vorgeschlagen. In seinem hochinteressanten Buch bringt er historische Fakten zusammen mit den neuesten Ausgrabungen sowie Überlegungen zu den damaligen internationalen Handelsbeziehungen und heutigen naturwissenschaftlichen Kenntnissen im Bereich Erdbeben, Pandemien wie auch Klimawandel (Dürren) und berücksichtigt ebenso Kenntnisse moderner Komplexitätstheorie.
Was passierte nun am Ende der Spätbronzezeit? Im Jahre 1177 v. Chr. Ausgangspunkt ist die in jenem Jahr stattgefundene Schlacht zwischen dem ägyptischen Pharao Ramses III. und den sogenannten „Seevölkern“, wer immer das konkret war. Diese Schlacht war allerdings kein einmaliges Ereignis, sondern eine von mehreren Ereignissen, die in der Zeit das östliche Mittelmeer erschütterten. Sie führten am Ende zum Zusammenbruch der bronzezeitlichen Zivilisationen der Mykener, Ägypter und Hethiter in der gesamten Region, die sich in Jahrhunderten herausgebildet und bemerkenswerte Entwicklungsniveaus erreicht hatten. Auch der Fall Trojas gehört in diesen Zusammenhang. Es folgte eine Übergangszeit, später „erstes Dunkles Zeitalter“ genannt, die sich über mehrere Jahrhunderte erstreckte. Erst danach kamen in Griechenland Entwicklungen einer kulturellen Renaissance in Gang, die in Richtung unserer heutigen westlichen Gesellschaften führte.
Rückblick

Das Buch beginnt mit einem Rückblick in die Blütezeit der bronzezeitlichen Kulturen in Ägäis, Ägypten und dem Nahen Osten, die sich über insg. ca. 2000 Jahre erstrecken, von etwa 3000 v. Chr. bis ca. 1200 v. Chr. Nicht wirklich überraschend sind die Parallelen der damaligen zu unserer heutigen Zeit, so weit sie auch zeitlich auseinanderliegen mögen: Invasionen, Kriege, Wirtschaftsembargos, diplomatische Anstrengungen, ermordete Herrscher, Entführungen, internationale Intrigen, „fake news“, Revolutionen, Naturkatastrophen und Klimawandel bis hin zu Pandemien. Alles schon dagewesen. Die Menschen sind nun einmal, wie sie sind… In diesem Buch geht es nun nicht nur um den Untergang eines einzelnen Reiches (wie z.B. des Römischen), sondern vielmehr um den einer ganzen Epoche mit mehreren Zivilisationen, die alle miteinander verflochten und teils sogar voneinander abhängig waren. Ein Beispiel: Zinn spielte damals eine ebenso grosse Rolle wie heute das Rohöl. Zinn war unverzichtbar für die Herstellung waffenfähiger Bronze. Damals baute man Zinn in nennenswerten Mengen nur in Afghanistan ab. Übrigens hatten damals die Zyprer ein Monopol darauf.
Wie war es nun möglich, dass die grossen Reiche des 2. Jahrtausends v. Chr. zusammenbrachen, in welchem Umfang führte dies zu zivilisatorischen Einbrüchen, ja, Rückschritten, die die Region teils um Jahrhunderte zurückwarf? Das Ausmass der Katastrophe war riesig (bis das Römische Reich anderthalb Jahrtausende später kollabierte).
Seevölker

Auslöser waren zunächst die erwähnten Seevölker, von denen niemand so genau weiss, woher sie kamen und die unaufhaltsam von einem Ort zum anderen fuhren, zu Lande wie zur See. So geschehen auch dem Ägypten unter Ramses III. Sie kamen in Wellen, über einen längeren Zeitraum. Die damaligen Grossmächte wie Hethiter, Mykener, Kanaaniter, Zyprer etc., alle wurden einer nach dem anderen von ihnen überfallen. Ihre Motivationen waren so unklar wie ihre Herkunft. Bildnisse ihrer Missetaten finden sich allerdings z.B. noch auf ägyptischen Reliefs von Ramses III. Bereits 30 Jahre zuvor, 1207 v Chr. hatten sie Ägypten angegriffen. 1177 v. Chr. besiegten die Ägypter die Seevölker. Nur war das Neue Reich Ägypten damals schon geschwächt, und das galt ebenfalls für fast alle Länder der Ägäis und des Nahen Ostens, die bald oder in weniger als 100 Jahren von der Bildfläche verschwanden. Über weite Strecken gingen viele, wenn nicht alle Fortschritte der Zivilisation verloren, z.T. für 300 Jahre! Die Seevölker können indes nicht die einzigen Verursacher dieses Untergangs sein.
In den letzten Jahrzehnten sind verschiedene Hinweise aufgetaucht, wonach die Seevölker vielleicht selbst Opfer waren. Heute neigt die Forschung eher zu der These, dass es vielmehr eine Mischung aus natürlichen und menschengemachten Ereignissen gewesen sein könnte wie Klimawandel und Dürren, Hungersnot, Erdbebenserien, Revolten und „Systemzusammenbrüche“, die in zeitlich relativ engem Zusammenhang eine Kettenreaktion in Gang setzten, die zum Ende dieser Epoche führte.
Die Lage im 15. Jahrhundert v. Chr.

Um dies besser zu verstehen, blickt der Autor zunächst auf die 300 Jahre zuvor, begonnen mit dem 15. Jahrhundert v. Chr. Dort stellt er uns die Völker der Hyksos vor, die aus der Region Kanaan kommend das wohlhabende Ägypten überfielen und auch länger beherrschten. Gefolgt von den Minoern aus Kreta mit deren Kontakten nach Ägypten und Mesopotamien und wie die Menschen dort bereits lebten (es gab sogar Eisgetränke) dank der ihnen zugeschriebenen Fundstücke, wobei das meiste bis heute längst verrottet ist. Damit illustriert er die zu der Zeit existierenden Handelskontakte im östlichen Mittelmeerraum. Der Autor beschreibt die Beziehungen zwischen Ägypten und Kanaan sowie dem Königreich Mitanni in Nordsyrien. Er erläutert die Hethiter aus Zentralanatolien mit ihrer Geschichte, die früher ein riesiges Reich beherrschten, das bis nach Nordsyrien reichte. Er befasst sich mit den Mykenern – entdeckt dank Heinrich Schliemann – deren Reich im 17. Jahrhundert v.Chr. entstand und das der kretischen Minoer nach dem verheerenden Erdbeben (Stichwort Palast von Knossos). Und er untersucht den oder die (?) Trojanischen Krieg-e. So veranschaulicht er die internationalen Beziehungen jener Zeit von der Ägäis bis Mesopotamien.
Das 14. Jahrhundert, das „Goldene Zeitalter“

Im 14. Jahrh. v.Chr. siedelt er dann das wahrhaft „Goldene Zeitalter“ der Region an mit Ägypten auf dem Zenit seiner Macht (Stichwort „Echnaton“) und seinem Wohlstand zusammen mit Hethitern, Assyrern und Kassiten in Babylon als weiteren Grossmächten. In der 2. Reihe folgten dann Mitanni, Minoer, Mykener und Zyprer. Wieder durchkämmt der Autor Ausgrabungen und einschlägige aktuelle Forschungsergebnisse zum Beleg und illustriert damit die Vielzahl von diplomatischen/ kommerziellen Kontakten zwischen Ägypten und der Ägäis. Er dokumentiert eine Vielzahl von Objekten und historischen Dokumenten (Tontafeln etc.) zum Beweis und erstellt eine Mind Map aller grossen und kleinen Player der Zeit und deren Wechselbeziehungen. In dieser Blütezeit begegnen wir sogar Nofretete und Tutanchamun.
Das 13. Jahrhundert v. Chr.
In das 13. Jahrhundert v. Chr. steigt er anhand eines vor der Westtürkei gesunkenen Frachtschiffes ein, das aufgrund seiner Vielzahl von Waren wie Kupfer, Zinn, Rohglas, Gewürze einen Mikrokosmos der vielfältigen Handelsbeziehungen jener Zeit darstellt. Ein Beispiel für die damalige vernetzte Welt aus Handel, Kriegen und Diplomatie. Vermutlich stammte es aus Ägypten oder dem Nahen Osten. In diese Zeit fallen auch heute noch gut bekannte Ereignisse wie die Schlacht von Kadesh zwischen den Ägyptern unter Pharao Ramses II. und den Hethitern. An dieser Stelle befasst er sich detailreich wie immer ebenfalls mit den verschiedenen Ausgrabungsstätten von Troja sowie dem Umfeld des Trojanischen Krieges, wie er vom griechischen Dichter Homer lange vorher beschrieben wurde und der Frage, ob es diesen Krieg Jahrhunderte zuvor wirklich gegeben hat. Das Bild bleibt indes komplex.
Hier betritt nun die Bühne der Geschichte der weltbekannte Auszug der versklavten Israeliten aus Ägypten lt. Altem Testament, auch Exodus genannt, wo sie bereits 400 Jahre (!) zuvor gelebt hatten (17. Jahrh. v. Chr.), gen Kanaan. Trotz zahlreicher Untersuchungen und Überlegungen bleibt dieser Exodus immer noch zeitlich schwer einzugrenzen und zu belegen. Von Bedeutung sind diese Studien hier deshalb, weil die Israeliten in Kanaan sich das von den Seevölkern hinterlassene Chaos zunutze machen konnten. Dies ermöglichte es ihnen nämlich, zu denjenigen Volksgruppen zu gehören, die nach dem Untergang der Spätbronzezeit eine neue Weltordnung schaffen sollten.
Ein letzter Blick gilt den im 13. Jahrhundert noch aktiven und mächtigen Hethitern, eines der Grossmächte der späten Bronzezeit, und ihren Handelsaktivitäten im östlichen Mittelmeer, insb. Zypern mit seinen überaus wichtigen Kupfervorkommen für die Herstellung von Bronze. Im Zuge ihres Krieges mit den Assyrern aus Mesopotamien konnten sie sich weit nach Westen ausdehnen, fast bis ans Mittelmeer. Damit endete allerdings diese Periode der frühen Globalisierung und des Wohlstands.
Zerstörungen im 12. Jahrhundert v. Chr.

Kippen sollte die Lage nun Ende des 12. Jahrhunderts, das in der gesamten Region im Zeichen von Zerstörungen stand.
Begonnen hatte es mit der Zerstörung der international stark vernetzten Handelsstadt Ugarit in Nordsyrien. War es ein Erdbeben oder feindliche Invasoren gewesen? Z.B. die sog. Seevölker? Auch der ägyptische Pharao Ramses III. hatte offenbar mit ihnen zu kämpfen. Zerstörungen wurden ebenfalls aus Südsyrien in Kanaan gemeldet. Ausgrabungen in Akko und Megiddo (das biblische Armageddon) im heutigen Israel weisen ebenfalls auf Zerstörungen um 1177 hin. Doch immer ist nicht recht klar, wer oder was dafür verantwortlich war. Auch Erdbeben sind nicht auszuschliessen. In Palästina zumindest könnten die Ausgrabungen auf die Philister hindeuten, die zu den Seevölkern gehören, und die für Zerstörung und massive Zuwanderung verantwortlich sein können.
Aber Zerstörungen werden ebenfalls im weiter entfernten Mesopotamien gemeldet, wie z.B. von Babylon, das konnten schwerlich die Seevölker gewesen sein. Doch näher noch lagen die Zerstörungen in Anatolien insb. so bekannter Städte wie Troja und Hattusa, die Hauptstadt der Hethiter. Sicher ist auch hier, dass nicht die Seevölker die Täter waren. Zerstörungen wüteten ebenso auf dem griechischen Festland wie z.B. in Mykene (Palastzentren), Pylos, Midea u.a. Schuld daran waren wohl Feuersbrünste, wie auch immer ausgelöst, aber auch feindliche Überfälle sowie ein oder mehrere Erdbeben, in dieser Region keine Seltenheit. Dabei scheint Mykene ein Sonderfall zu sein, es gibt hier keine Hinweise auf grössere Migrationsbewegungen oder Invasionen. Mykenes komplexes, zentralisiertes System war zusammengebrochen, dessen mächtige Urheber existierten nicht mehr, warum auch immer, wodurch ein allgemeiner Verfall einsetzte.
Auch Zypern war von der Zerstörung nicht ausgenommen. Waren es Flüchtlinge aus Mykene gewesen, nach dem Zusammenbruch ihrer Paläste? Oder die Hethiter? Verschiedene Einflüsse scheinen zusammengekommen zu sein. Obendrein gibt es aktuelle Hinweise auf eine schwere Dürre in der ganzen Region. Zypern stellte sich indes als resilient heraus und hielt noch bis 1050 stand.
Zerstörungen auch in Anatolien, der Hauptstadt Hattusa der Hethiter, Täter unbekannt.
Ägypten blieb ebenfalls nicht von Umbrüchen und Niedergang verschont. 1177 kämpft Pharao Ramses III. bekanntlich gegen die Seevölker. Nach den glanzvollen Zeiten des Jahrhunderts zuvor brachte den Umschwung wohl die Ermordung von Ramses III. 1155 v. Chr. im Zuge einer Verschwörung aus dem Königshaus. Unter den nachfolgenden Pharaonen konnte sich das Land nicht wieder erholen. Kein Wunder angesichts der desaströsen Lage in der Region.
Gleiches gilt für Kriege zwischen so wichtigen Völkern wie den Hethitern, den Assyrern und dem Königreich Mitanni sowie die Frage, inwieweit die damit einhergegangenen Zerstörungen eine Rolle beim Zusammenbruch spielten.
Welche Rolle spielten die Seevölker?

Was mochten nun die Gründe für die Verwüstungen und Zerstörungen im östlichen Mittelmeer gewesen sein? Insbesondere seit den Achtziger und Neunziger Jahren wurde der Zusammenbruch immer wieder mit den Seevölkern in Verbindung gebracht. In jüngerer Zeit verwischt sich indes dieser Zusammenhang aufgrund neuerer Forschungsergebnisse. Über eventuelle Umbrüche in den Handelsstrukturen hinaus halten manche Wissenschaftler nach wie vor Invasoren, insb. die genannten mysteriösen Seevölker für ziemlich zentral. Es liegen wenig schlüssige Beweise oder gar Einzelheiten über die Namen und die genaue Herkunft der Seevölker vor. Ebenso wenig lässt sich mit Sicherheit sagen, ob sie nicht ohnehin geschwächten Imperien nur den Todesstoss gaben. Es scheint sich jedoch eher um einen längeren Prozess von mind. 50 Jahren gehandelt zu haben. Gewisse archäologische Elemente scheinen für einen Ursprung dieser Migranten in der Ägäis zu sprechen. Oder waren sie eher Flüchtlinge als Krieger? Es bleibt festzustellen, dass es derzeit keinen Konsens über die Ursachen gibt.
Vieles spricht für mehr als nur marodierende Seevölker, woher auch immer (westliches Mittelmeer?). Oder waren sie nicht nur Täter, sondern auch Opfer? In diese Richtung weisen neueste Forschungsergebnisse.
Natürliche Gründe für den Zusammenbruch?

Im Folgenden werden eine ganze Reihe von natürlichen Faktoren ausgewertet, die vielleicht der Auslöser von weitreichenden Wanderbewegungen und Zerstörungen gewesen sein könnten, über wirtschaftliche und politische Aspekte hinaus.
Die Rolle von Erdbeben kann in dieser Weltregion nie vernachlässigt oder ausgeschlossen werden. Hier ist sogar für Griechenland die Rede von einer ganzen Erdbebenreihe über 50 Jahre, bis ca. 1175 v.Chr. Trotzdem können diese nicht der alleinige Grund für den völligen Zusammenbruch der Gesellschaft gewesen sein, da einige Stätten zweifellos wieder aufgebaut und neu besiedelt wurden.
Für unsere Zeiten sind Gründe wie Klimawandel, Dürren und Hungersnöte bekanntlich an der Tagesordnung, über deren Auswirkungen sich frühere Gesellschaften und auch Wissenschaftler wenig Gedanken machten. Heutzutage wird indes z.B. ein Klimawandel in Nordeuropa schon seit Jahrzehnten als plausibelste Erklärung in Betracht gezogen. Demnach hätte dieser mit Dürren und Hungersnöten die nordeuropäischen Völker gen Süden getrieben, wo sie die dortige Bevölkerung verdrängten. So könnte eine Kettenreaktion in Gang gekommen sein, eine Art Völkerwanderung. Manche Archäologen favorisieren schon länger eine andauernde Dürre im Mittelmeerraum als Ursache. Gestützt wird diese Hypothese von umfangreichen Texten aus dem Ende der Bronzezeit, die eindeutig von Hungersnöten und Getreideknappheit bei den Hethitern und anderswo sprechen und die z.B. mit Lieferungen aus der Kornkammer Ägypten gelindert wurden. Aktuelle Forscher halten gar Hungersnöte nie gekannten Ausmasses in weitaus mehr Regionen als allein Anatolien für wahrscheinlich. Wissenschaftliche Beweise wurden insb. aus Zypern, Nordsyrien und sogar Mesopotamien gefunden sowie Hinweise auf eine sinkende Meerestemperatur vor 1190 v.Chr.
Doch reichen diese Indizien für Klimawandel/Dürre/Hungersnöte als Grund für den Zusammenbruch dieser Zivilisation aus? Dürren hat es dort in der Geschichte ziemlich oft gegeben. Es muss noch weitere Faktoren geben, die eine Kettenreaktion ausgelöst haben können.
Aufstände, Invasoren und Zusammenbruch des internationalen Handels

Es gibt nun einige Motive, die Menschen zu Aufständen oder Rebellionen bringen können, deren Ursachen oder Urheber allerdings schwer nachzuweisen sind. Doch diese führten im Allgemeinen nicht zum Zusammenbruch ganzer Gesellschaften.
Bleibt zusammenfassend die Frage, warum sich die angegriffenen Kulturen am Ende der Spätbronzezeit nicht einfach wieder erholten? Aktuell wird daher vielmehr die These einer Kettenreaktion mit Multiplikatoreneffekten vertreten, einem sog. Systemkollaps.
Charakteristika und Ursachen eines Systemkollapses

Darunter versteht man laut Cline a) den Zusammenbruch der zentralen Verwaltung, b) das Verschwinden der traditionellen Eliten und c) den Zusammenbruch der Planwirtschaft sowie d) Abwanderung und Bevölkerungsrückgang. All das kann sich über viele Jahrzehnte hingezogen haben. Gefolgt wurde diese Periode von Zeiten geringer gesellschaftlich-politischer Integration, einer Art „Dunklem Zeitalter“. Ähnliche Entwicklungen kennen wir heute z.B. vom Ende der Mayas und dem Alten Reich in Ägypten. Damit waren es nicht allein die Invasionen der Seevölker, Erdbebenserien, Dürren, die ganze Landstriche unbewohnbar machten, die für den Zusammenbruch verantwortlich waren. Es kam vielmehr zu einer Verkettung aller vorgenannten Ursachen im östlichen Mittelmeer und Nahen Osten.
Womit wir zu weiteren möglichen Ursachen kämen, allerdings hätte keine für sich allein ausgereicht. Rekapitulieren wir: Es gibt Hinweise für Erdbeben, Hungersnöte und sogar Beweise für Dürren und Klimawandel in der Region. Ferner Indizien für Aufstände in Griechenland, Eindringlinge/Migranten in der Levante, alles Ursachen, die sich noch gegenseitig verstärkt haben dürften. Abschliessend wendet sich Cline noch dem Thema der Komplexitätstheorie zu, bisher verwendet in Informatik und Mathematik sowie Wirtschaftswissenschaften. Aktuelle Forschungen weisen auf die Betrachtung der Handelsnetze in der Ägäis als einem Beispiel für komplexe Systeme hin, die je instabiler werden, weil fehleranfälliger, je komplexer sie sind. Nach dem Zusammenbruch zerfallen solche Systeme in kleinere Einheiten, was logisch erscheint. Genau dies kann man bei der Eisenzeit, die auf die Bronzezeit folgte, feststellen. Bleiben Fragen wie „Warum ist es passiert?“, „Wie ist es passiert“, an deren Klärung weiter geforscht wird.
Interessant am Ende die Frage, wie es weiterging, was auf diesen Untergang, der ein schleichender Prozess war, um 1177 v. Chr. folgte und wie sich die Region verändert bzw. angepasst hat – oder welche Völker verschwunden sind bzw. welche Völker sich anpassen konnten. Er betont, dass die Menschheit auch danach neue, bahnbrechende Erfindungen machte, sich neu ordnete und dass es keinen Grund gibt, von einem nachfolgenden „Dunklen Zeitalter“ zu sprechen. Soweit diese Zeit auch zurückliegen mag, warnt er indes, auch wir heutigen Zeitgenossen in einer hochkomplexen Welt sollten uns nicht für gegen einen ähnlichen Untergang gefeit fühlen, ausgehend z.B. von einem Finanzkollaps.
Eric H. Cline „1177 v. Chr. – Der erste Untergang der Zivilisation“, WBG Theiss, Verlag Herder GmbH, Freiburg 2024